Kleine Insel der Glückseligkeit

Ayhem
Wie sich das anfühlt, wenn jemand einfach da ist.

Zwischen blühenden Blumen, summenden Insekten und den leisen Geräuschen der Stadt sitzt ein junger Mann auf einer Holzbank im Queerbeet-Garten. Der Ort ist ruhig, fast poetisch – wie gemacht für jemanden wie Ayhem. Still, zurückhaltend, mit einem nachdenklichen Lächeln und einer Stimme, die leise bleibt. Er ist in Deutschland geboren, das Heimatland der Eltern, Syrien, inzwischen weit entfernt. Im Osten der Stadt aufgewachsen, fehlte es ihm an nichts, nur für ausgedehnte Urlaube reichte das Geld nicht. Reisen sind für den 18-jährigen daher ein Traum, den er sich irgendwann erfüllen will.

 

„Mein Vater hat damals den Zettel im Hort entdeckt“, erinnert sich Ayhem. „Er hat mich gefragt, ob ich bei den Wunderfindern mitmachen möchte. Ich hab einfach ja gesagt.“ Damals war er etwa neun Jahre alt, Grundschüler an der Hans-Christian-Andersen-Schule. 

Teil der ersten Generation der Wunderfinder war er, einer der Pionierkinder des Leipziger Projekts. Sein Pate war Marc – ein ehrenamtlich engagierter Erwachsener, der sich entschied, einem Kind Zeit zu schenken, zuzuhören, und neue Perspektiven zu entdecken. „Ich hab mir nicht viele Gedanken gemacht damals“, sagt Ayhem. „Da war halt jemand, der sich kümmert, mit einem redet, Sachen zeigt – und irgendwann merkt man, dass das mehr ist als nur ein Projekt.“

 

Freundschaft auf Augenhöhe

Was damals begann, hat bei Ayhem Spuren hinterlassen. Auch heute, zehn Jahre erinnert er sich an diese Zeit. An Ausflüge in den Zoo, zur Feuerwehr, an Schnitzeljagden und kleine Abenteuer, die größer und lustiger waren, als sie anfangs schienen. Und an Marc, seinen Paten.

„Ich würde sagen, Marc war ein Freund für mich“, sagt Ayhem zögerlich, aber bestimmt. „Nicht so ein Freund, wie man ihn mit neun versteht. Aber jemand, dem ich vertraut habe. Jemand, der einfach da war.“ Auch wenn der Kontakt mit den Jahren seltener wurde, blieb Marc präsent. Und als Ayhem einmal seine Nummer wechselte, kam Marc kurzerhand persönlich vorbei, um nach ihm zu sehen.

Heute ist Ayhem 18 Jahre alt, lebt noch zu Hause in Volkmarsdorf, besucht eine Abendschule, um das Abitur abzuschließen und arbeitet nebenbei in der Gastronomie. Er liest Camus, spielt Gitarre, trainiert Calisthenics im Park – ein ruhiger, reflektierter junger Mann, der sich bis zum Erwachsenwerden noch viel Zeit lassen will.

Wenn er auf das Wunderfinder-Jahr zurückblickt, klingt es nach stiller Dankbarkeit: „Es war eine gute Zeit. Man war Kind, hatte kaum Sorgen. Es gab einfach schöne Tage, neue Orte, neue Eindrücke.“ Und dann sagt er einen Satz, der hängen bleibt: „Es waren kleine Inseln der Glückseligkeit.“

 

Was bleibt – und was zählt

Ob das Projekt ihn verändert hat? Ayhem überlegt lange. Dann nickt er. „Ich glaube, ich hätte ohne Marc weniger Vertrauen zu Erwachsenen gehabt. Weniger Vorbilder und vielleicht auch weniger Neugier.“

Was braucht ein guter Pate, frage ich ihn. „Geduld, Freundlichkeit, Bildung. Und ein echtes Interesse.“ Ein Handy solle man lieber zu Hause lassen, meint er. „Es geht um Präsenz. Um echtes Dasein. Nicht um Bilder.“

Und ob er selbst mal Pate werden würde? Aus dem Bauch heraus kommt die Antwort: „Ich kann nicht gut mit Kindern“, schüttelt er lächelnd den Kopf.

 

Der Wunsch an das Projekt

Am Ende frage ich ihn, was er dem Wunderfinder-Projekt zum zehnjährigen Jubiläum wünschen würde. Ayhem denkt kurz nach, schaut in den blühenden Garten – und sagt leise:

„Ich wünsche dem Projekt, dass es weiterlebt. Dass sich genug Paten finden. Und dass noch viele Kinder erfahren dürfen, wie sich das anfühlt – wenn jemand einfach da ist."