"Sie ist wie meine Mama hier"

Havana
Wie eine Patenschaft zur Familiengeschichte wird.
Ein Porträt über die besondere Verbindung zwischen Mama Anyila und Uta, Wunderfinder-Patin und ihren Töchtern Maria, Havana und Marklina.

Als Anyilas Tochter Maria vor acht Jahren von der Schule nach Hause kam und erzählte, sie haben als Familie von einer „deutschen Frau einen Zoobesuch“ geschenkt bekommen, war Anyila skeptisch. Neu in Deutschland, unsicher im Umgang mit der Sprache, hatte sie viele Fragen – und kaum Antworten. Doch sie wollte wissen, wer diese Frau war. Sie begegnete Uta. Und mit dieser Begegnung begann eine Geschichte, die weit über das hinausgeht, was sich das Wunderfinder-Programm als Bildungspatenschaft-Projekt zum Ziel gesetzt hat. 

Heute, viele Jahre später, ist aus der zufälligen Verbindung eine enge Beziehung – zwischen der Wunderpatin und der syrischen Familie geworden. „Uta ist meine deutsche Mama“, sagt Anyila. „Ich rufe sie an, wenn ich Hilfe brauche.“

 

Mehr als Bildung: Beziehung, die trägt

Die Geschichte dieser Patenschaft ist besonders, weil sie die offiziellen Grenzen des Wunderfinder-Programms längst überschritten hat. Eigentlich war Uta ursprünglich Patin für Maria, heute 17 Jahre alt. Doch dann wuchs die Bindung zu deren kleinen Schwestern Havana und Marklina sowie ihren Eltern ganz von allein.

Zwischen Uta und Havana hat sich eine ganz eigene Beziehung entwickelt. Was mit kurzen Begegnungen beim Abholen der großen Schwester begann, wurde bald zu einem selbstverständlichen Teil des Alltags. „Sie hat mich oft von der Schule abgeholt“, sagt Havana. „Und ich habe mich gefreut, weil alle gesagt haben, sie haben eine Oma. Und ich dachte: Ich habe auch eine – Uta.“

Uta begleitete sie zur rhythmischen Sportgymnastik, war bei Wettkämpfen dabei, stand an Geburtstagen als Erste vor der Tür. „Sie ist für mich wichtig“, sagt Havana, die mit fünf Monaten aus der Türkei ohne Großeltern nach Deutschland kam. Auch für Kabarettistin Uta ist diese Nähe besonders. „Ich habe keine eigenen Kinder“, erzählt sie. „Aber mit dieser Familie – das ist einfach gewachsen. Ganz natürlich.“ Aus einer Patenschaft wurde Nähe. Aus Nähe Vertrautheit. Und aus Vertrautheit Familie – ganz ohne Blutsverwandtschaft.

 

Zwischen Kino, Kapriolen und kleinen Lebenslektionen – Uta und Havana

Uta ist keine Frau großer Worte. Sie erzählt bescheiden, wirkt zurückhaltend – und berührt mit der zu spürenden Dankbarkeit in ihrer Stimme. „Ich begleite einfach gerne“, sagt sie. „Ich zeige den Kindern, was ich kenne: Musik, Theater, Bücher.“ 

Havana und Uta erleben viel zusammen. Kinobesuche gehören fest zum Programm. Auch wenn sie einmal im falschen Saal landeten – „Wir sind einfach sitzen geblieben“, erzählt Havana lachend. „Der Film da war auch gut.“ Uta bringt Havana zum Lachen, zum Staunen, aber auch zum Nachdenken. Havana wiederum bringt Klarheit, Zielstrebigkeit und Stilbewusstsein mit – und Uta, 71, kleidet sich mit Bedacht, „damit ich gut neben ihr aussehe, wenn wir uns treffen“.

Havana ist fleißig und zielstrebig. Sie dokumentiert begeistert ihre gelesenen Bücher mit dem Lernsystem „Antolin“, sammelt Punkte, reflektiert Geschichten – und beeindruckt damit Uta, die offen zugibt: „Das würde ich so nicht durchhalten.“ Havana wiederum liebt es wie Uta zuhört, ohne zu urteilen. „Sie ist einfach perfekt, so wie sie ist“, sagt Havana. „Ich wünsche mir nur, dass sie gesund bleibt.“

 

Vertrauen entsteht im Alltag 

Dass diese Beziehungen überhaupt entstehen konnte, dafür brauchte es Begegnung, Offenheit – und den Mut, Unbekanntem eine Chance zu geben. „Am Anfang hatte ich Angst“, erinnert sich Anyila. Als sie mit ihrem Mann und ihren Töchtern nach Leipzig kam, war alles fremd: die Sprache, die Kultur, das Bildungssystem. Ihre Familie lebt weit verstreut – in Syrien, der Türkei, Schweden. Und dann bekommt die Tochter ein Zoobesuch geschenkt Ö von einer Unbekannten! „Ich kannte das Programm Die Wunderfinder nicht. Ich hatte keine Ahnung, wer meine Tochter begleitet. Aber als ich Uta kennengelernt habe, habe ich gemerkt: Es ist gut.“

Dieses Vertrauen wuchs langsam, aber stetig. Uta wurde nicht nur zur Begleiterin bei Ausflügen, sondern auch zur Sprachhelferin, Ratgeberin und zur emotionalen Stütze für Anyila. Sie half bei Formulierungsschwierigkeiten, stand in Notlagen zur Seite – etwa bei einem Betrugsfall im Internet oder als die ganze Familie an Corona erkrankte und niemand helfen konnte. „Sie hat einfach alles vor die Tür gestellt. Wortlos. Und es war genau das, was wir brauchten“, sagt Anyila leise.

Inzwischen ist aus der einstigen Patenschaft ein festes Band entstanden – getragen von gegenseitiger Unterstützung, Fürsorge und echtem Vertrauen. Und nun geschieht etwas Besonderes: Uta wird bald in die direkte Nachbarschaft ziehen – fast Tür an Tür als Familie, zu der sie zusammengewachsen sind.