Leipzig
Wenn Leipzig ein Gefühl wäre, dann wäre es ein brodelnder Vulkan.
Es wäre die Freude in der Traurigkeit.
Die ganze Welt dreht sich immer schneller,
es scheint keine Pausen mehr zu geben.
Alle Seiten werden immer radikaler und
Gespräche scheinen nicht mehr möglich.
Leipzig ist in einem blauen Meer, die Insel.
Leipzig strotzt nur so vor Vielfalt
Und Möglichkeiten.
Die Stadt ist geprägt von Geschichte.
Widerstand:
Die Leipziger Meuten.
Die Friedliche Revolution 1989.
All diese Menschen, die auf die Straße gingen, ihre Rechte forderten und ihr Leben für eine bessere Zukunft riskierten.
Ihr Geist lebt weiter und hat das heutige Leben in seiner Form erst ermöglicht.
Leipzig ist ein Wald, ein bisschen außerhalb der Stadt.
Ein Ort des Rückzuges, wo man einfach nur sein kann.
Aber auch diese leuchtende Stadt hat Negativität, Ausgrenzung und Verzweiflung.
Ausgegrenzt werden,
Immer das Gefühl haben, nicht genug zu sein.
Aber Leipzig bedeutet vor allem Aufstehen und niemals aufzugeben.
Leipzig ist Hoffnung.
Überforderung
Sie steht auf.
Wie spät ist es?
Schon 11 Uhr.
Mmh.
Es ist Samstag.
Sie könnte so viel machen.
Sich mit Freunden treffen,
etwas zeichnen,
für die Schule lernen,
Sport machen
oder kochen.
Was willst du machen?
Entscheide dich.
Und egal für was du dich entscheidest,
du entscheidest dich damit auch automatisch,
gegen alles andere.
Was ist sinnvoll?
Was macht Spaß?
Ist es wichtiger für Tests zu lernen
oder sich mit Freunden zu treffen?
Sie weiß es nicht.
Ihr Kopf beginnt sich zu überschlagen.
All diese Gedanken sind wie Fäden,
die sich allmählich in ein riesiges Wollknäul verwandeln.
Je länger sie wartet,
desto schlimmer wird es.
Sie spürt die Zeit zwischen ihren Fingern verrinnen.
Sie muss eine Entscheidung treffen.
Aber es geht nicht,
also bleibt sie gelähmt im Bett liegen.
Perspektiven-Geschichte
Anne
Um sechs Uhr morgens quälte Anne sich jeden Tag aus dem Bett.
Weil sie sich schminken musste, um ihrem Freund William zu gefallen.
Er mochte „natürliche Schönheiten“, wobei „natürlich“ geschminkt meinte.
Als Anne fertig war, las sie sich die Notizen für den anstehenden Englisch-Test durch.
Sie wurde jäh an diese geniale Argumentation erinnert, die Charles vorgestern beim Debattieren geliefert hatte.
Wie konnte er nur so gut sein?
Er war ja nicht einmal Muttersprachler?!
Oder doch?
Aber er sah auf jeden Fall nicht wie der durchschnittliche weiße Brite aus.
Anne sollte gut in Englisch sein!
Nein, sie musste gut in Englisch sein!
Anne durfte keine Enttäuschung für ihre Familie sein.
Ihr Vater war Professor in Oxford.
Ihr Englisch-Hefter glitt aus ihren zitternden Händen auf den Boden.
„Reiß dich zusammen, Anne“, schnaubte sie ihrem blassen Spiegel Bild zu.
Kurz darauf kam sie bei der Bushaltestelle an.
Da wartete schon ihr William - ihr Willy - auf sie. Anne liebte seine Aufmerksamkeit, es gab ihr das Gefühl genug zu sein.
Doch da kam ein pinker Schopf angerannt: Charles.
Eigentlich fand sie Charles beeindruckend, wie er debattierte, wie er so er selbst war, obwohl er andauernd aneckte.
Vielleicht wünschte Anne sich auch seine scheinbar unerschütterliche Selbstakzeptanz.
Aber das würde sie niemals zugeben, weil Willy Charles nicht mochte.
Also konnte Anne Charles auch nicht mögen.
Sansevieria trifasciata
Es war ruhig im Wohnzimmer.
Die Mutter der zwei Söhne war mal wieder spät nach Haus gekommen.
Aber sie hatte mich gegossen.
Öfters vergaß sie das schon mal,
ich meine, kein Wunder bei dem Stress, den sie hat.
Was waren diese Geräusche?
Ahh Charles,
der in die Schule musste.
Schule, so ein seltsamer Ort.
Ich denke, Menschen sind viel dümmer, als sie denken, dass sie sind.
Warum muss man wohin gehen, um zu lernen?
Alle Überlebensreflexe sind doch angeboren.
Klar, man könnte Menschen guten Umgang mit ihrer Umgebung beibringen,
aber das wird ja auch nicht gemacht.
Ich war einfach nur da, in der kleinen 2-Zimmer-Wohnung in London.
Und dennoch war ich wesentlich besser als sehr viele Menschen.
Charles war mittlerweile aus dem Haus gesprintet.
Er war ein schlauer Bursche und würde es noch zu etwas bringen.
Charles goss mich immer, was seine Liebenswürdigkeit bewies.
Er vertraute sich selbst nur so wenig und schuf sich Probleme durch viel nachdenken.
Ach und die anderen Kinder ärgerten ihn.
Für sie würde ich keinen Sauerstoff produzieren.