Zwei Jungen, zwei Geschichten, ein gemeinsames Wunder

Fahran und Amer
Fahran und Amer erzählen von ihrer Zeit als Wunderfinder

An einem heißen Nachmittag im Leipziger Park Rabet suchen wir Schutz vor der prallen Sonne. Die beiden Jungs, mit denen ich verabredet bin, rutschen im Gespräch immer wieder ein Stück weiter ins schattige Eck auf den Stufen vor dem Offenen Freizeittreff (OFT). Amer kneift leicht die Augen zusammen – zu viel Sonne verträgt er nicht. Als ein kleiner Junge mit einer Wasserbombe auftaucht und diese gezielt auf die beiden Jungen wirft, stehen sie ruhig auf und gehen ein Schritt beiseite. Keine Panik, kein Geschrei. „Das passiert öfter“, meint Fahran schulterzuckend.

Fahran ist neun Jahre alt, lebendig, neugierig, schnell im Reden. Er besucht die dritte Klasse der August-Bebel-Schule und lebt mit seiner Familie am Leipziger Johannisplatz. Vor drei Jahren kam er aus Afghanistan nach Deutschland. Heute spricht er fast fließend Deutsch, lacht viel – und hat jede Menge zu erzählen.

Amer ist zwölf Jahre alt, besucht das Goethe-Gymnasium und lebt mit seiner Mutter und zwei Schwestern im Leipziger Osten. Geboren wurde er in Homs, Syrien. Seit fast sieben Jahren ist er in Deutschland – und hat seitdem viel erlebt. Seine Worte wählt er bedacht, seine Erinnerungen trägt er tief in sich.

Sie sitzen mit wachem Blick und großer Ernsthaftigkeit und erzählen von ihrer Zeit im Programm „Die Wunderfinder“. Beide verbindet das Wunderfinder-Programm und ihre gemeinsame Patin Uta.

 

Wie eine neue Welt

„Ich war in der zweiten Klasse dabei. Das war richtig schön“, erzählt Fahran lebhaft und ein bisschen stolz. Seine Augen leuchten, wenn er von gemeinsamen Ausflügen mit seiner Patin Uta spricht. 

In ihrer beiden Geschichten blitzen unzählige Erlebnisse auf. Schwimmen im Freibad von Schönefeld, ein Schlauchbootabenteuer mit Fröschen, Besuche bei der Feuerwehr oder der selbstgedrehte Film, bei dem Fahran in einer Szene einen Banküberfall ansagen musste – mit Polizei und allem drum und dran. „Ich war nicht der Räuber“, betont er und lacht. „Ich musste nur sagen: Banküberfall!“

Als Patin sei Uta nicht nur Bezugsperson gewesen, sondern auch Türöffnerin für neue Erfahrungen, erzählt Amer: „Mit meiner Familie war ich mit ihr auf Ausflügen – nach Grimma oder in die Sächsische Schweiz.“ 

„Es ist nicht mehr wie davor. Wir haben so viel erlebt. Das war echt wie eine neue Welt.“, sagt Amer ruhig, fast andächtig, über seine Zeit bei den Wunderfindern. „Es war wirklich wie ein Wunder.“

Dass die beiden noch heute mit ihrer Patin in Kontakt sind, ist keine Selbstverständlichkeit. Viele Patenschaften im Rahmen des Programms enden nach einem Jahr. Nicht so bei ihnen.

„Frau Uta ist nicht wie die anderen. Wenn sie mit einem Wunderfinderkind was macht, dann hört sie nicht einfach auf“, sagt Fahran bestimmt. Amer ergänzt: „Wir schreiben manchmal über WhatsApp. Oder wir gehen zusammen schwimmen.“

 

Herkunft, Heimat, Hoffnung

Beide Jungen haben Erfahrungen gemacht, die viele ihrer Altersgenossen nicht teilen. Fahran kommt aus Afghanistan, Amer aus Syrien. Sie sprechen offen über das, was war, und das, was fehlt.

„Meine Oma ist noch in Afghanistan. Ich vermisse sie. Aber wir können sie nicht besuchen. Wegen den Taliban“, sagt Fahran mit erstaunlicher Klarheit. Auch Amer hat seine Heimatstadt Homs hinter sich gelassen. „Ich bin schon fast sieben Jahre hier. Aber damals war ich noch klein“, erzählt er.

Dennoch ist Leipzig für beide längst ein Zuhause geworden – auch wenn manches fremd bleibt. „Ich bekomme Nachhilfe in Persisch“, sagt Fahran. „Ich muss den Koran lesen können.“ Und Amer erklärt: „Manchmal lernen wir hier Sachen, die ich in Syrien nicht gelernt habe. Und umgekehrt.“

 

Schule, Chor und Döner

Ihr Alltag heute ist so vielfältig wie ihre Geschichten. Amer singt im Schulchor, schwimmt gern, spielt Tischtennis. Fahran liebt Mathe, Sport – und Döner. „Wenn wir ganz viel Hunger haben, essen wir einfach Döner“, sagt er fröhlich. Und erzählt vom Geburtstag seiner Schwester, bei dem es Erdbeerkuchen gab. „Ich mag keine Erdbeeren. Aber ich hab ihn trotzdem gegessen.“

 

Eine besondere Verbindung

Die Jungs schauen sich beim Erzählen immer wieder an. Da ist Stolz in Fahrans Blick, wenn der ältere Amer über Ausflüge und Erlebnisse spricht. Und Wärme in Amers Mimik und Entgegnungen, wenn Fahran über das Schwimmen und „Frau Uta“ redet. Sie wirken wie Brüder im Geiste – durch das Projekt verbunden, durch gemeinsame Erfahrungen gewachsen.

„Wir gehen im Sommer wieder mit Uta schwimmen“, sagt Fahran zum Schluss. „Da wird das neue Schwimmbad nebenan gerade gebaut.“ Und als ob es nicht anders sein könnte, fügt er hinzu: „Das wird dann wieder richtig schön.“