Cappuccino mit Katzentatzen

Chayenne und Intisar
Im Gespräch mit Chayenne, Intisar und Patin Doris

„Ich bin Chayenne, elf Jahre alt, aus Leipzig. Ich mag Springseilspringen, Schaukeln und im Garten helfen“, sprudelt es aus Chayenne, während sie in ihrem Kindercappuccino den Zucker verrührt. „Und mein Lieblingsessen ist Schnitzel mit Kroketten!“ Intisar, ebenfalls elf, ergänzt: „Ich mag Kunst und Sachkunde. Und Cappuccino.“ Ihre Augen funkeln mit Blick auf den Milchschaum mit Katzentatzenmuster in ihrer Tasse.

Wir befinden uns in einem Katzencafé in Leipzig. Zwischen Cappuccino mit Schoko-Pfötchen-Schaum, leise plätschernder Hintergrundmusik und zahlreichen freilaufenden, über Seile und Wandregale kletternden Katzen, sitzen zwei aufgekratzte Elfjährige am Tisch – oder besser gesagt: Sie halten sich dort nur mit Mühe sobald ein flauschiger Vierbeiner vorbeischleicht.

Die Gesprächsszene ist ständig in Bewegung: Eine Katze springt an den Tisch, Zucker wird gesucht, Tassen klirren, und irgendwo muss noch „Merli“ sein, die graue Katze mit den blitzenden Augen. „Guck mal, die sehen aus wie Geschwister“, ruft Chayenne. Die Mädchen lachen, beugen sich über Fell und Tassen, streicheln, beobachten und kommentieren. Und mittendrin: Geschichten von Wiederholungsjahren und Wiedersehen, von Freundschaften, die kamen und gingen, von Katzen, die sterben, und Kaninchen, die bleiben. Von Schulwechseln und Spielplatzwünschen. 

„Ich will mal eine kleine Geschichte erzählen“, kündigt Chayenne mit großer Geste an und erzählt dann nahezu beiläufig eine rührende, fast epische Geschichte von Haustieren, die kamen und gingen: Katzen mit Tumoren, Hasen mit Löwenköpfen, Meerschweinchen mit Namen wie Milky Way – eine kindlich-poetische Chronik des Verlusts, der Liebe und der Erinnerung. „Ich habe ein Kuscheltier, das aussieht wie unser alter Labrador Sunny“, sagt sie irgendwann leise abschließend.

Im Interview im Café ist Doris oft im Hintergrund. Und doch spürt man ihre Präsenz. Wenn sich die beiden Mädchen im Gespräch verlieren, wenn eine Anekdote kippt, eine Erinnerung schwer wird. Sie beobachtet genau, mischt sich nur ein, wenn es nötig ist – und schafft Raum, in dem sich jedes der Mädchen entfalten kann. „Doris ist lieb. Sie ist nett und sie macht gerne was mit uns. Und wir gerne mit ihr.“ ist sich Chayenne sicher. Intisar fügt leise hinzu: „Und sie passt auf uns auf.“

Doris weiß um die Brüche im Leben der beiden Mädchen. Sie spricht diese nicht anklagend an, sondern ruhig und respektvoll. Dass Chayenne bei ihren Großeltern lebt, dass ihre Mutter nicht präsent ist – das ist Realität. Und Doris begegnet ihr mit Wärme, nicht mit Mitleid. Ebenso wie Intisars Familiengeschichte zwischen thiopien, Italien und Deutschland. „Manche Kinder erzählen viel, manche wenig,“ erzählt sie auch mit Blick auf ihre beiden Patenkinder, „aber wenn man zuhört, erkennt man, was ihnen wichtig ist.“

Sie hat bereits mehrere Kinder begleitet – darunter auch Kinder, die sonst wenig Zugang zu kulturellen Angeboten oder außerschulischen Aktivitäten haben. Und sie hat gesehen, wie sehr diese Erfahrungen prägen können: „Für manche ist es das erste Mal im Zoo, im Museum, auf dem Eis. Und für viele das erste Mal, dass ein Erwachsener sich ganz bewusst Zeit für sie nimmt.“

Für Patin Doris ist klar: Das Patenschaft-Engagement lohnt sich. „Gerade bei Kindern mit Migrationsgeschichte oder instabilen Familienverhältnissen kann dieses Programm einen echten Unterschied machen“, sagt sie. Bei Intisar sei es der Blick auf die Stadt, auf die Sprache gewesen. Bei Chayenne, die bei ihrer Großmutter lebt, eher die Erfahrung von Stabilität, von Zugehörigkeit. Doris erinnert sich auch an schwierige Zeiten, in denen Chayenne ausgegrenzt wurde – „das war nicht immer leicht, aber sie ist stark“.

Zum Ende des Gesprächs sitzen alle wieder am Tisch. Was kommt als Nächstes? Weiterführende Schule, sagt Intisar, nicht ganz begeistert – „weil meine Schwester sagt, man schreibt jeden Tag einen Test“. Chayenne denkt über eine eigene Katze nach – sie hat sogar schon einen Namen. Und überlegt, wie sie ihr Zimmer noch schöner machen kann. Sie erzählt von ihrem Hochbett-Bauprojekt, von Decken, Kisten, Kuscheltieren. „Ich baue mir eine neue Wohnung in meinem Zimmer“, sagt sie. 

Was die Zukunft bringen soll, wissen die beiden Mädchen ziemlich genau: Chayenne schwankt zwischen Kassiererin im Drogeriemarkt und Tierverkäuferin. Intisar träumt von einer Villa voller Tiere – „am besten mit ganz vielen Katzen“ – oder von einer Karriere als Ärztin oder Lehrerin. 

Auf die Frage, welchen Wunsch sie für das Wunderfinder-Programm hätten, antwortet Intisar, ohne zu zögern: „Dass die Wunderfinder in jeder Schule sind.“ Chayenne hat einen anderen Gedanken: „Dass wir Doris auch später nochmal sehen dürfen. Vielleicht einmal im Jahr.“