Es ist ein Sonntagnachmittag im Frühling, wie er in Schleußig nicht schöner sein könnte: Vogelgezwitscher im Garten, Quarktorte auf dem Tisch, ein Hauch von Flieder in der Luft. Zwischen Hängematte und Kaffeetasse erwarten mich zwei Paten, zwei Kinder – und eine besonderes Wunderfinder-Geschichte. Evelyn Koch, ehemalige Kommunikationsfrau und heutige Coachin, und Reimar Riese, 88-jähriger emeritierter Professor der Buchwissenschaft, bilden gemeinsam ein ungewöhnliches Tandem im Wunderfinder-Programm der Bürgerstiftung Leipzig.
Tabea (11) und Paulina (10) aber sind die eigentlichen Heldinnen dieses Nachmittags. Selbstbewusst und mit funkelnden Augen erzählen sie von ihren Ausflügen – ins Pongoland, zur Porzellanmalerei, ins Kunstkraftwerk. „Das Porzellanmalen war mein Favorit“, sagt Tabea. „Ich habe meine Schüssel gestern benutzt.“ Paulina ergänzt: „Ich mochte besonders das mit Alice im Wunderland – auch wenn`s ein bisschen komisch für die Augen war.“
Tabea lebt in Grünau, singt im Schulchor, liebt Glasnudelsalat und träumt davon, Eisverkäuferin mit zwei Kindern zu werden. Paulina wohnt in Grünau, spielt Fußball auf Vereinsniveau und denkt längst über eine Profikarriere bei RB Leipzig nach. „Ich trainiere hart – und wenn`s klappt, dann will ich später trotzdem noch Lehrerin werden“, sagt sie mit einer Mischung aus Pragmatismus und Ehrgeiz. Während Tabea von Fantasyfilmen schwärmt, spricht Paulina über veganes Eis, faire Fußballer und darüber, dass sie später vielleicht ein Kind adoptieren möchte, „weil manche Kinder eben nicht so viel Glück haben“.
Was die beiden Mädchen eint, ist mehr als gemeinsame Ausflüge: Es ist das Gefühl, gesehen zu werden. Wertgeschätzt. In einer Welt, die manchmal zu schnell ist für offene Ohren und langsame Nachmittage.
„Wir waren eigentlich zwei separate Patenschaften“, erzählt Evelyn Koch. „Aber als sich bei uns beiden die Konstellationen verändert haben, haben wir beschlossen, die Patenschaft als Tandem gemeinsam weiterzuführen.“ Tabea und Paulina sind inzwischen ein eingespieltes Team – auch wenn sie auf den ersten Blick unterschiedlicher kaum sein könnten.
Beide Mädchen sprechen mit Wärme über ihre Paten. „Unsere Paten denken wirklich darüber nach, was zu uns passt“, sagt Paulina. „Ob Ausflug oder kleines Geschenk – es ist nie einfach irgendwas.“ Tabea lacht: „Nur manchmal sind sie zu spät, weil sie vorher noch Kaffeekränzchen machen.“ Dass diese beiden Mädchen aus zwei einzelnen Patenschaften in eine gemeinsame hineingewachsen sind, ist nur eins der vielen kleinen Wunder, die sie gefunden haben.
Auf die Frage, wie sie zum Wunderfinder-Programm gefunden haben erzählt Evelyn Koch, die nach einer Karriere in der Kommunikationsbranche heute als Coach arbeitet, dass sie über eine Freundin sie zum Wunderfinder-Programm der Bürgerstiftung Leipzig kam. In dem Programm erkannte sie: „Hier kann ich etwas zurückgeben“. Ganz anders war es bei Reimar Riese, pensionierter Professor für Buchwissenschaft: „Meine Tochter sagte nur: 'Mach doch mal was!' – Und dann klebte da dieser Zettel im Sportclub.“ Frau Riese, seine Frau, beobachtet das Engagement ihres Mannes mit wohlwollender Distanz: „Ich brauche das nicht mehr. Aber für ihn ist es gut – und für die Kinder auch.“
„Manchmal ist das Wunder nicht nur der Ort, sondern das Gespräch darüber.“
Während Evelyn Koch eher mit den Kindern ins Gespräch geht und liebevoll von „Tantenrolle“ spricht, sieht sich Reimar Riese als Wegbegleiter mit einem liebevollen Hang zur historischen Tiefe und der Buchwelt. „Ich habe sie mal mit ins Audimax genommen – und da haben sie Hasche gespielt. Im Hörsaal!“, erinnert er sich und lacht.
Was bleibt nach einem Jahr voller kleiner Wunder? Manchmal eine selbstbemalte Porzellanschüssel. Ein gemeinsames Bild im Zoo. Oder eben das Wissen, dass man gemeinsam etwas gefunden hat, das bleibt. Evelyn Koch sagt: „Wir treffen uns immer noch – alle vier Wochen, manchmal öfter. Viele hören nach dem ersten Jahr auf. Wir nicht.“
Zum zehnjährigen Jubiläum des Wunderfinder-Programms wünschen sich die beiden Mädchen, „dass es ewig weitergeht“. Und dass es mehr Schulen erreicht. Mehr Kinder, „die sonst nicht so viel machen“ und mehr Erwachsene, die nicht nur teilnehmen, „weil es sonst keiner macht“, sondern weil sie Freude daran haben.
„Wenn ich mal Kinder habe“, sagt Paulina, „dann sollen die auch bei den Wunderfindern mitmachen.“