April, April. Weiß der, was er will?
In mir drinnen ist April.
Manchmal stürmt es. Manchmal scheint die Sonne. Oft ist es neblig und ich kann nichts erkennen. Nicht, wo ich hinlaufe, wo ich hinsollte oder hinmöchte. An manchen Tagen ist es eben noch klar und angenehm warm, bevor es plötzlich umschlägt. Als würde jemand mit einem Lichtschalter spielen, der die Sonne an- und wieder ausknipst. Es reicht einmal drücken und der Schalter kippt. Sei es ein gut gemeinter Tipp meiner Mama, die Wäsche, die ich abhängen soll oder ein Hefeteig, der nicht richtig aufgeht. Dunkle Wolken ziehen auf und drohen sich abzuregnen. In meine Augen steigen Tränen, doch sie fallen nicht herunter. Alles, was es dann braucht, ist eine Umarmung, ein gutes Wort, das den finsteren Himmel erhellt und die Sonne wieder scheinen lässt. In mir drinnen ist April.
Das Taubentheorem oder: Ein Quantum Park
(von Sofia, Larissa und Ronja)
Es ist ein sonniger Tag im Park. [Cut]
Kahle Äste strecken sich dem strahlend blauen Himmel entgegen. Der Frühling ist schon eingekehrt, nur die Bäume hat er noch nicht erreicht. [Cut]
Die Vögel gurren in ihren Nestern. [Close Up]
Da stolziert eine Taube auf dem Ast. Sie tritt ins Leere. Was ist eigentlich die Leere, fragt sich die Taube. Ist sie Raum oder Zeit? Oder ist sie das Fehlen von Raum und Zeit? [Cut]
Die Taube hinterlässt bei ihrem Aufschlag einen Krater. Doch es stört sie nicht. Ich habe der Krümmung des Raum-Zeit-Kontinuums einen Schock versetzt!, denkt die Taube glücklich und verscheidet. [Kameraschwenk auf die Pflanze daneben]
Die samtigen Blätter beginnen giftig zu strahlen und bescheinen unheilvoll die Überreste des Vogels. Möge sie in Frieden ruhen, sinniert die Pflanze, bevor ihr Gedankengang jäh unterbrochen wird [Kameraschwenk hoch]
durch einen herabsausenden Lederstiefel. [Cut]
[Ätherische Klänge aus den 80ern] [Fade out]
Gedichtantwort auf das Gedicht: „Wir sind am nördlichsten punkt“ von Andra Schwarz.
Hier nachzulesen: https://www.lyrikline.org/de/gedichte/wir-sind-am-noerdlichsten-punkt-13972
Zusammen treiben
Wir sind am nördlichsten Punkt. Das Licht bleibt hell, ganze sechs Monate lang, und es blendet. Der Wind rauscht in meinen Ohren. Jetzt gibt es kein Zurück mehr. Es ist getan und nicht widerrufbar. Ich habe dich hierhergebracht. Hier wirst du bleiben. Wie ein Eisberg wirst du treiben – auf hoher, kalter See.
Egal, was passiert, was mir geschehen und dir widerfahren ist, du bist schuld. Es ist deine Schuld, dass du bald untergehst, nicht meine. Du solltest dankbar sein, dass ich dich hierherbrachte.
Obwohl du hier bist, erkaltet, bin ich allein. Nur der Horizont leistet mir Gesellschaft. Doch das ist schon zu viel! Das Ächzen der aneinanderreibenden Eisschollen stört mich. Ich will allein sein! Ich will der Einzige sein, wenn du zu treiben beginnst.
Dein Blut muss schon zu zirkulieren aufgehört haben. Du bist noch blasser als zuvor. Langsam treten blauviolette Adern hervor und ruinieren deine kühle Schönheit. So will ich dich nicht sehen! Deine Hässlichkeit soll ich mich nicht verfolgen!
Ich will es jetzt tun, will es genießen und verinnerlichen.
Die Luft wird dünn und wirkt zerbrechlich, wie aus Glas. Ein Gefühl regt sich in meiner Brust. Ist es Reue? Angst? Oder Vorfreude?
Ich nehme dich hoch, ein letztes Mal, und gehe fünf Schritte. Der Schnee knirscht unter meinen Schuhen. Als ich am Abgrund stehe, schaue ich hinunter. Mein Atem geht schwer. Weiße Wolken kommen stoßweise aus meinem Mund. Dein Gewicht zerrt an meinen Armen und das Verlangen dich loszulassen ist groß. Ich will sehen, wie du fällst, wie du aufschlägst. Während du fällst, lächle ich. Erst, als du zu treiben beginnst, als das Rauschen des Windes noch lauter wird, ich nur noch einen Teil von dir erkenne, bekomme ich Angst. Erst, als du wie ein Eisberg nur mit der Spitze deines Körpers zu sehen bist, schaue ich zurück.
Meine Fußspuren. Sie sind erkennbar, eindeutig identifizierbar. Im weißen, unschuldigen Schnee zeichnen sie sich ab. Anfangs schwer, dann etwas leichter. Dein Gewicht in meinen Armen hat die Tiefe der Abdrücke verändert. Wieder bist du schuld! Es ist dein Verdienst, dass sie mich finden werden. Dass ich in einer Zelle leben und sterben werde. Dass ich, trotz meiner eben getanen guten Tat, bestraft werde.
Das Licht blendet mich und die Eisschollen knarren. Ich trete an den Abgrund und blicke hinunter. Der Horizont leistet mir Gesellschaft. Du treibst wie die Spitze eines Eisbergs unten im Eismeer.
Ich mache noch einen Schritt, ich falle, ich lächle und treibe mit dir.