Sofia Eden

Der Honig im Tee

(geschrieben von Sofia Eden,
mit Illustrationen von Mareike Zwanzger)

»Deine Mimik, Juli! Deine Mimik! So lächelt keiner, dessen halbes Dorf gerade abgebrannt ist …«
Verzweifelt versucht mein Theaterlehrer, Herr Prinn, mir beizubringen, wie und wann genau ich welchen Muskel in meinem Gesicht anspannen soll, um traurig und wütend und was auch immer zu wirken. Ich grinse gequält. Er seufzt.
»Schon gut, wir arbeiten da morgen dran weiter. Hast du noch irgendwelche Fragen zu einer bestimmten Textstelle?«
Erleichtert blättere ich durch das Skript in meiner Hand. Glück kann ich irgendwie besser darstellen als Trauer. Das ist einfach so.

»Bei der Endszene kann ich nicht ganz einschätzen, ob mein Charakter jetzt wirklich glücklich ist oder nur so tut …« Innerlich hoffe ich ja, dass die erste Variante zutrifft, aber mein Theaterlehrer ist da anderer Meinung …
»Nein! Wie kann jemand nach so viel Leid ein normales Leben weiterführen? Sie ist dankbar, dass nicht noch mehr passiert ist, aber das ist DANKBARKEIT, nicht FREUDE.«

Herr Prinn hat sich definitiv den richtigen Beruf ausgesucht, mit seinem Hang zur Dramatik ist er geradezu prädestiniert für die Schauspielerei.
»Stell dir vor ... hmm … du hast in einer Prüfung schlecht abgeschnitten und probierst trotzdem noch eine bessere Bewertung herauszudiskutieren. Dann droht dein Lehrer, deshalb die ganze Klasse zu bestrafen, tut es aber doch nicht. Wie würdest du dich fühlen?«
»So, als wenn ich ganz knapp der Vollkatastrophe entkommen wäre?«, rate ich.
»Und in Gefühlen ausgedrückt?«
»Bestimmt nicht dankbar gegenüber dem Lehrer.«

Er lacht sein lautes Bühnenlachen und wischt sich eine Träne aus dem Augenwinkel.
»Das nehme ich mir mal nicht zu Herzen. Aber was ich meine, ist, dass deine Rolle vielleicht an so etwas wie einen höheren Zufall glaubt und DEM gegenüber dankbar ist.« Ein Glänzen tritt in seine Augen. »Vergiss nicht, dass du nicht du selbst bist vor dem Publikum.
«Ich nicke und richte mich gerade auf. Ich mag die Übungsstunden bei ihm. Er ist so begeistert von dem, was er tut, dass man eigentlich nicht anders kann, als es auch zu sein. Heute bin ich zufälligerweise allein, meine Mitschüler sind alle krank oder verhindert und er hat natürlich sofort die Gelegenheit ergriffen an meiner – Zitat – aus-drucks-losen Mimik zu arbeiten. Mit neuem Mut greife ich nach meinem Accessoire.
»Spielen wir es einmal durch!«

 

Meine Oma winkt mir auf dem Parkplatz vor dem Theater schon von Weitem zu. Wie jeden Mittwoch holt sie mich ab und ich beeile mich, damit sie nicht noch länger warten muss. Außerdem regnet es in Strömen und ich bin schon völlig durchnässt, als ich mich nach den hundert Metern auf den Beifahrersitz setze. Sie mustert mich kritisch und schlussfolgert:
»Gut, dass dein Vater heute Suppe als Abendessen gekocht hat.« Wie um ihre Aussage zu unterstreichen, aktiviert sie die Scheibenwischer.
»Stimmt. Aber gegen eine heiße Dusche hätte ich ehrlich gesagt auch nichts einzuwenden«, antworte ich. Darüber muss sie lächeln, auf ihre warme, einzigartige Oma-Weise.
»Mal abgesehen von diesem grässlichen Wetter, wie war dein Tag heute, Juli?«

Nach dem Essen soll ich meinen kleinen Bruder ins Bett bringen. Er heißt Dezember, so ungewöhnlich das auch klingen mag – ich weiß wirklich nicht, was meine Eltern sich dabei gedacht haben. Aber es ist wahr, dass seine eisblauen Augen an einen kalten Winterhimmel erinnern.
Im Moment ist von ihnen allerdings nichts zu sehen, nur sein brauner Lockenschopf guckt gerade noch so unter der Bettdecke hervor, während er mit gedämpfter Stimme Vorlesen fordert. Ich ziehe wahllos ein Buch aus dem Regal und fange an.

»An diesem letzten Tag …«
Empört strampelt er sich frei.
»Nicht das Buch! Ich habe mit Mama letzte Woche ein anderes angefangen!«, beschwert er sich.
»Welches denn?«
Er deutet stumm auf das Buch auf seinem Nachttisch. Darauf hätte ich eigentlich auch selbst kommen können.
»In welchem Kapitel seid ihr stehen geblieben?«
Dezember zuckt mit den Schultern.
»Ich glaube, es ist ein Lesezeichen drin.«

Ist es glücklicherweise auch.
»Leon ging am nächsten Morgen zur Schule und …«
Nach fünf Minuten schläft mein Bruder friedlich und seine Locken liegen wie ein dunkler Heiligenschein um seinen Kopf auf dem Kissen. Wärme durchströmt mich. Ich liebe ihn wirklich sehr, selbst wenn er manchmal ordentlich nervt.

Mit einem Gähnen klappe ich das Buch zu und lege es zurück auf den Nachttisch. Ich schaue auf seinen Wecker. Halb neun. Warum bin ich schon so müde? Ich muss meinen Text für das Drama doch noch einmal durchgehen...

Schlafender Dezember mit Teddy im Arm


Auf Zehenspitzen schleiche ich mich aus dem Zimmer, damit Dezember nicht aufwacht. Das helle Licht im Flur blendet mich. So grell habe ich es gar nicht in Erinnerung. Vermutlich spielt mir mein übermüdetes Gehirn Streiche. Bis sich meine Augen daran gewöhnen, taste ich mich an den Wänden bis zu meinem Zimmer. Die allzu bekannte Oberfläche der Klinke passt perfekt in meine Hand und ich öffne die Tür. Mein Sehvermögen kehrt zurück und statt meinem Zimmer entdecke ich meine Mutter, die sich vor dem Spiegel die Zähne putzt und verwundert meinen Blick erwidert.

»‘tschuldigung«, nuschele ich und schließe schnell die Tür. Ich habe leider wohl doch die falsche erwischt. Dabei hätte ich schwören können, es wäre meine Zimmer! Etwas unsicher drehe ich mich einmal um meine eigene Achse und halte nach meinem eigentlichen Ziel Ausschau. Ah, dahinten auf der anderen Seite des Korridors ist sie. In diesen hölzernen Buchstaben, die einen Zug bilden, steht mein Name darauf. Früher war ich immer neidisch auf meine Freunde gewesen, weil die viel längere Namenszüge hatten als ich mit meinen vier Lettern. Dann hatte meine Oma meine Buchstaben mit mir angemalt und schon war meiner vielleicht nicht der längste, aber auf jeden Fall der schönste Zug gewesen. Da hatten meine Freunde große Augen gemacht.

 

Juli's Zug

Ob Dezember das wohl auch gerne machen würde? Wir können das ja am nächsten verregneten Wochenende ausprobieren. Als sich die Tür hinter mir schließt, fasse ich den Entschluss, dass das Lernen bis morgen warten kann. Ich kippe stattdessen vornüber ins Bett und lasse mich von Wärme und Geborgenheit in den Traum wiegen.

 

Um 6.30 Uhr klingelt mein Wecker. Sechs. Uhr. Dreißig. Nichts würde ich lieber tun als weiterschlafen, aber ich darf nicht. Das Leben ist so unfair. Ich zwinge mich aufzustehen und schlurfe in die Küche, wobei ich jeden einzelnen Schritt bereue. Mit einem gekonnten Handgriff schnappe ich mir mein Lieblingsmüsli, fülle eine Schüssel damit und fange an, es stumpf in mich hineinzulöffeln. Nach einigen Sekunden drehe ich verwirrt die Packung um. Das schmeckt doch nicht wie sonst … aber die Packung ist exakt die Gleiche, nichts zu sagen.
»Was grummelst du denn da in dich hinein?«, will mein Vater wissen, der wie jeden Morgen um diese Uhrzeit schon viel zu wach ist. Und zu motiviert. Es ist mir ein Rätsel, wie er das immer schafft.
»Das Müsli schmeckt anders«, murre ich. Überrascht schaut er mich an.
»Es ist dasselbe wie gestern.«
Ich zucke mit den Schultern.
»Keine Ahnung«, erkläre ich ihm höchst konstruktiv.
»Vielleicht war etwas in der Schüssel«, meint er.
»Vermutlich.« Für weitere Nachforschung bin ich im Moment nicht in der Verfassung. Ich stelle mein benutztes Geschirr in die Geschirrspülmaschine und möchte mich fertig machen gehen, aber Papa hält mich auf.
»Kannst du Oktober heute in der Grundschule absetzen? Ich muss schon 7.30 Uhr bei der Arbeit sein.«
»Oktober?«, frage ich. »Wer soll das sein?«
Papa hebt eine Augenbraue.
»Oktober? Dein Bruder?«, fragt er.
»Heißt er nicht Dez …« Meine Wangen werden rot. Habe ich etwa den Namen meines Bruders vergessen?!
»Äh, klar kann ich das machen.«
»Super!« Papa winkt mir ein letztes Mal zu und stürmt dann zur Eingangstür hinaus.

Rote Locken und braune Augen. Mein Bruder hat rote Locken und braune Augen. Wie bitte? Ich dachte, er hätte braune Haare und blaue Iriden. Aber nichts zu machen. Als ich ihn vorhin zur Schule gebracht habe, hatte er eindeutig rote Locken und braune Augen. Meine eigenen Augen starren mir glasig aus meinem Zimmerspiegel entgegen. Wie kann es sein, dass ich nicht weiß, wie mein Bruder aussieht, ja nicht mal wie er wirklich heißt? Himmel, ich muss eine grausige große Schwester sein. Wie ein kaputter CD-Spieler wiederholt mein Gehirn in Dauerschleife „Rote Locken und braune Haare. Oktober.“ Dieses kranke Mantra lässt mich schon den ganzen Tag lang nicht los. Den Test in Mathe vorhin habe ich nach Strich und Faden versaut und ich frage mich ernsthaft, ob ich da überhaupt Zahlen auf das Blatt geschrieben habe.

Was ist nur mit mir los in letzter Zeit? Mein Zimmer finde ich nicht mehr, meinen Bruder habe ich anders in Erinnerung, als er eigentlich ist, das Müsli schmeckt falsch? Ich sehe, wie mein Spiegelbild die Augenbrauen zusammenzieht. Das Müsli ist ja wohl mein geringstes Problem. Aber wenn ich an die Episode zurückdenke, überkommt mich dasselbe Gefühl, wie wenn ich an meinen Bruder denke. Als hätte ich etwas verpasst, was eigentlich normal und nicht der Rede wert ist. Ein Schauer, der an meinem unteren Rücken anfängt und langsam, ganz langsam, meine Wirbelsäule hochkriecht.

»JULI!«, schreit die Stimme meiner Mutter plötzlich im Erdgeschoss. Ich fahre aus meiner merkwürdigen Trance ruckartig in die Höhe und stoße mir mit vollem Schwung das Knie an der Spiegelkommode. Die Person in der Reflexion vor mir verzieht schmerzvoll das Gesicht.
»Was ist denn passiert?«, rufe ich mit meinem besten Theater-Stimmvolumen zurück, während ich mir das Bein reibe.
»Kannst du mir mal deine Sechs in Mathe erklären?«, schallt die nicht sonderlich begeisterte Antwort durch das ganze Haus.
Verdammt. Warum nur musste meine Mathelehrerin so schnell im Korrigieren sein?

Fast eine Woche später stehe ich wieder auf dem Parkplatz vor dem Theater. Es ist Mittwoch. Herr Prinn hat uns vor mindestens einer halben Stunde verabschiedet und meine Oma ist weit und breit nicht zu sehen. Langsam fange ich an, mir wirklich Sorgen zu machen. Ist ihr etwas zugestoßen? Hoffentlich nicht. Ein Verkehrsunfall? Eine Herz-Rhythmus-Störung? Ein heftiger anaphylaktischer Schock? Mein Gehirn malt sich jegliche Worst-Case-Szenarien aus und mit jeder Minute, die ins Land läuft, werde ich nervöser. In meinem Handy kann ich Omas Nummer nicht mehr finden, wahrscheinlich ein Fehler in der Software oder so. Gerade als ich meine Mutter anrufen will, um nachzufragen, geht ein Anruf von ihr ein.
»Mama?«
»Hallo, Juli. Wo bist du? Wir warten schon seit einer Ewigkeit auf dich!«
»Ja, kann ich mir vorstellen, aber Oma ist noch nicht angekommen. Geht es ihr gut? Kann sie heute noch kommen? Soll ich den Bus nehmen?«
Keine meiner Fragen wird beantwortet. Eisernes Schweigen schlägt mir vom anderen Ende der Leitung entgegen.
»Mama? Kannst du mich hören? Bist du noch da? «
Sie räuspert sich, was wegen der schlechten Verbindung seltsam verzerrt klingt. Unruhig schließe und öffne, schließe und öffne ich den Reißverschluss meiner Tasche immer wieder.
»Ja, ich bin noch da«, sagt sie dann. Ich kann ihr Unwohlsein bis hierhin spüren. Meine Angst um Oma wird wieder schlimmer.
»Ist ihr etwas passiert?« Meine Kehle schnürt sich zu und ich spüre, wie mir Tränen in die Augen steigen. Das darf nicht sein. Nicht Oma!
Die Antwort braucht viel zu lange.
»Fühlst du dich ok?«, fragt Mama mich besorgt.
»Das ist doch unwichtig!«, schluchze ich völlig aufgeschmissen. »Was ist mit Oma?«
»Juli …«

 

Ich weine, salziges Wasser rinnt mir über die Wangen und mischt sich mit dem Regen. Meine Atmung geht unregelmäßig und stoßweise. Ich höre nicht, was Mama noch am Telefon sagt. Die Welt um ich herum verschwindet. Ich spüre nur, wie eine Hand nach meiner Brust greift und ein Stück herausreißt. Mein Herz zieht sich zusammen, wie alles in mir. Bruchstückhafte Visionen einer Beerdigung suchen mich heim. Es ist alles so realistisch, als wäre es wirklich geschehen. Die kleine Backsteinkirche in dem Dorf meiner Großeltern, bunte Glasfenster, die das Licht brechen und Menschen in schwarzer Kleidung. So, so viele Personen in Schwarz, die alle Farben auffressen mit ihren dunklen Stoffen. Ich beuge mich vornüber, damit dieses Loch in meinem Innern wieder weggeht, aber das Einzige, was passiert, ist, dass meine Lungen keinen Platz mehr finden. Da ist kein Platz. Da war noch nie Platz. Ich kriege keine Luft mehr, schnappe nach Atem und bekomme keinen. Meine Ohren brummen, Schwindel erfasst mich.

Arme, dieses Mal echte, ziehen mich an sich und die Person streicht mir beruhigend durch die Haare. Es hilft nicht. Kaum. Ein bisschen vielleicht. Sauerstoff findet wieder den Weg in meinen Blutkreislauf. Meine Sicht klärt sich. Rote Locken und braune … irgendwo unter meinen Tränen erscheint mir die Welt wieder ein wenig heiler als zuvor. Oktober steht vor mir und guckt verängstigt über die Schulter unseres Vaters, der mich in eine Umarmung gezogen hat. Vorsichtig kommt er näher und, weil ich das Kinn auf Papas Schulter habe, kann ich nicht weiterverfolgen, wohin er geht. Sekunden später fühle ich aber einen kleinen Körper, der sich an mich drückt.

»Wie geht es Oma?«, frage ich mit rauer Stimme.
Papa verspannt sich spürbar.
»Lass uns zuerst nach Hause gehen.«
Ich stoße ihn von mir und taumle. Mein Gleichgewichtssinn hat sich noch nicht entschieden, erneut zu funktionieren.
»Nein! Ich will es wissen!«
Mein Vater nimmt mir stattdessen meine Tasche ab.

»Bitte, ich erzähl dir alles gleich. Lass uns nur vorher nach Hause fahren.«
Ich funkle ihn halb wütend, halb verzweifelt und vor allem ziemlich fertig an. Mein Widerstand bröckelt. Als Oktober mich Richtung Auto zieht, gebe ich schließlich vollständig nach.
Die Fahrt ist schweigsam und ungemütlich. Papa wirft mir ständig diese Blicke zu, die ich nicht ganz deuten kann. Mama taxiert mich auf genau die gleiche Art und Weise und sagt mir dann, ich solle mich umziehen gehen, damit ich keinen Schnupfen kriege. Ich beschwere mich nicht. Dafür habe ich keine Kraft mehr. Die Treppen bis zum ersten Stock kommen mir vor wie eine Wanderung im Himalaya und oben versehe ich mich natürlich wieder in den Zimmertüren. Also suche ich nach dem bunt angemalten Schriftzug, aber keine der Türen hat ihn. Diese Erkenntnis braucht lange, um in meinem Kopf anzukommen. Regungslos hänge ich an der Klinke des Badezimmers. Warum steht nirgends mein Name? Angst breitet sich in mir aus. Hektisch überprüfe ich noch einmal alle Türen und komme zu dem selben Ergebnis. Aber das kann nicht sein. Ich habe doch damals mit Oma …

Die Bilder von der Beerdigung erscheinen wie auf dem Parkplatz vor meinem inneren Auge. Der Pfarrer hält irgendeine Ansprache. Neben mir sitzt Mama und hält einen kleinen Jungen im Arm. Ist das Oktober? Wenn er so klein ist, dann kann ich doch auch höchstens acht sein … 

Schritte kommen die Treppe hoch. Zwei Personen unterhalten sich. Ich wende mich ihnen zu, ohne mich dafür von der Stelle zu rühren.
»Auf keinen Fall geht Juli morgen in die Schule!«, sagt eine männliche Stimme.
»Das wird sie in die Realität zurückholen, verstehst du nicht?«, antwortet eine weibliche.
»Unsere Tochter bildet sich ein, ihre seit acht Jahren verstorbene Großmutter würde sie von der Theaterstunde abholen! Sie ist gerade emotional nicht stabil! Sie könnte morgen alles machen, anstatt in die Schule zu gehen, ohne überhaupt zu bemerken, dass sie das Falsche tut.«

Auf dem Treppenabsatz halten sie an. Papa nimmt Mamas Hände in seine und schaut sie flehend an.
»Sie ist wehrlos in diesem Zustand und nicht alle haben nur Gutes im Sinn! Bitte, sie muss bei uns bleiben, da können wir auf sie aufpassen!« Widerwillig entzieht Mama sich seinem Griff.
»Schon gut.« Sie dreht sich um und blickt mir direkt in die Augen. Ihre Pupillen weiten sich schockiert, mein Gesichtsausdruck vermutlich eine perfekte Kopie des ihren.
»OMA IST SEIT ACHT JAHREN TOT?«, schreie ich.
»Nein, Juli …«, bevor meine Mutter ihren Satz beenden kann, renne ich los. Ich muss hier weg. Sie stellt sich mir in den Weg und ich krache mit vollem Schwung in sie hinein.
»LASS MICH LOS! LASS MICH LOS!«
Mit Schlägen und Tritten kämpfe ich mich frei und stolpere zurück in den Flur.
»Juli …«
»HALT DIE KLAPPE, LÜGNERIN!«
Ich reiße eine der Türen auf, stürze in den Raum und werfe sie hinter mir zu. Mit fahrigen Bewegungen schließe ich ab. Doppelt.
»Mach auf!«, fordert eine Stimme auf der anderen Seite.
Mir wird klar, dass ich in meinem Zimmer bin. Wenigstens das. Ich will nichts mehr sehen, nichts mehr hören. Von dem letzten Konzert meiner Lieblingsband liegen noch Oropax auf dem Tisch. Zitternd greife ich danach. Sie sind die perfekte Idee, aber um auf Nummer sicher zu gehen, streife ich zusätzlich meine Noise-Cancelling-Kopfhörer drüber und vergrabe mich in den Tiefen meines Bettes. Was auch immer da draußen geschehen mag, ich kriege nichts mehr mit.

 

Wie schon gesagt, Aufwachen ist nicht so meine Stärke. Und dieses Mal ist es besonders schmerzhaft. Vor allem, weil ... ich blinzele. Also das Blinzeln ist nicht schmerzhaft, aber ich bin überrascht. Deshalb mache ich das. Und dann noch mal. Warum bin ich nicht mehr in meinem Zimmer? Ich sitze in einer Ecke eines gemütlichen Cafés, welches ich nie besucht habe. Es ist angenehm warm und vor mir stehen zwei dampfende Tassen Tee. Warte mal ... zwei? Eine davon wird jetzt ergriffen und ich verfolge gebannt, wie sie immer höher und höher wandert, bis sie vor einem Gesicht innehält. Es kommt mir unbekannt vor und muss einem Jungen in meinem Alter gehören, denn ich kann allerhöchstens eine Andeutung von einem Bart erkennen. Katzenhaft grüne Augen funkeln mich über den Tassenrand hinweg an. Ich glaube, ich war schon lange nicht mehr in einer so ungemütlichen Situation. Hat der mich hierhergebracht? Muss ich mir Gedanken machen, dass er ein psychopathischer Mörder ist, der gerne zuerst ein Pläuschchen mit seinen Opfern hält? Halt. Zu viele True Crime Podcasts. Obwohl … ich weiß nicht, wie ich hierhergekommen bin. Aber stimmt, ich bin ja nicht mehr zurechnungsfähig und habe es vielleicht einfach vergessen, denke ich sarkastisch. Oder doch K.O.-Tropfen?
»Hi«, sagt mein Gegenüber und holt mich aus meiner gedanklichen Abwärtsspirale.
»Hallo«, antworte ich steif. Er trinkt einen Schluck, setzt die Tasse wieder ab und rührt dann nachdenklich darin herum.
»Ich bin kein psychopathischer Mörder, der dich gleich umbringt, falls du dich das gefragt hast. Ich heiße Sullivan.« Er macht eine kleine Pause und kippt sich eine ungesunde Menge Zucker in den Tee. Als er meinen Blick sieht, zuckt er verlegen mit den Schultern. »Eigentlich mag ich schwarzen Tee nur mit Honig, aber die hatten hier keinen.«
Das Schweigen danach dauert mal wieder viel zu lange. Er scheint auch nicht ganz zu wissen, wie er sich verhalten soll und ich habe gerade echt keinen Nerv für so etwas.
»Was mache ich hier?«, schnauze ich unfreundlicher als geplant. »Haben meine Eltern mich hergebracht?«
Sein Löffel unterbricht die endlosen Kreise, die er in das heiße Wasser malt.
»Ach so, nein. Ich wollte nur mal mit dir reden.«
Ungläubig schaue ich ihn an.
»Ich kenne dich nicht. Wieso solltest du mit mir reden wollen?«
Er seufzt und fährt sich durch die Haare. Sein Blick mustert mich ratlos.
»Ich weiß nicht, wie ich es erklären soll.«
Hilfe, das konnte doch nicht wahr sein!
»Hast du komische Änderungen gemerkt? So Sachen, von denen du sicher warst, sie wären normalerweise nicht so gewesen?«
Und BÄM! Jetzt hat er meine volle Aufmerksamkeit.
»Hattest du das, oder was?«, gehe ich in die Defensive. Solange ich ihn nicht einschätzen kann, sage ich lieber nichts über mich.
»Äh… nicht direkt, aber damit zusammenhängend.«
Ich ziehe die Augenbrauen hoch.
»Damit zusammenhängend?«
Er macht eine unbestimmte Handbewegung.
»Ich schreibe im Moment an einem Buch.« Aha. Schön für ihn, aber was ging mich das an? »Und da denkt man sich Personen aus, Orte, Ticks und Angewohnheiten, Landschaften, Welten. Zumindest bei Fantasy.«
»Du schreibst Fantasy?«, frage ich.
»Nein, ich meine, man hat trotzdem eine kleine Welt im Kopf. Und dann baut man eine Geschichte und Szenen und erzählt von den Gedanken und Gefühlen der Personen.«
Ich neige fragend den Kopf. Er zögert kurz.
»Tja, in meiner Geschichte ging es um dich.«
Da hat er mich erwischt, damit hatte ich nicht gerechnet. Und was ist meine Reaktion? Ich lache. Himmel, ich sollte mein Sozialkompetenzen noch einmal durchgehen. Aber es scheint ihn nicht zu stören, denn er grinst auch.
»Herzergreifend«, sage ich und werfe ihm eine Kusshand zu. »Willst du mehr davon?«
»Danke, geht schon. Aber ich meine es ernst.«
»Ich auch. Vertrau!«, rufe ich.
Er beugt sich vor, in seinen Augen leuchtet es verschlagen.
»Weißt du, in meiner eigenen Welt, in meinem Kopf, kann ich machen, was ich will.« Er deutet auf meinen Tee. »Willst du etwas anderes?«
»Einen vergoldeten Burger, bitte.«
»Kein Problem.«
Ich schnaube. Der Typ ist doch komplett durchgedreht. Wenn meine Eltern schon denken, sie müssten sich um meine mentale Gesundheit kümmern, dann würden sie bei dem hier einen Anfall kriegen. Außer natürlich ich bilde mir das alles ein. Der Gedanke versaut mir die Laune. Wahrscheinlich halluziniere ich gerade den vergoldeten Burger, der auf dem Tisch erschienen ist. Sullivan guckt mich erwartungsvoll an.
»Woher soll ich wissen, dass ich mir das nicht einfach nur vorstelle?«
Enttäuscht lässt er sich zurücksinken.
»Du bist nicht verrückt, weißt du. Es ist meine Schuld, dass dein Bruder nicht mehr Dezember, sondern Oktober heißt und rote Locken und braune Augen hat. Ich dachte, es würde noch besser so in den Herbst passen und mit den Namen und so …«
Mein Herz schlägt schneller. Ich bin also nicht einfach die schlimmste Schwester aller Zeiten!
»Kannst du es auch …« rückgängig machen, wollte ich sagen, als mir eine deprimierende Erkenntnis kommt.
»Ja?«, hakt er hoffnungsvoll nach.
»Du hast da einen Fehler in der Logik. Wenn du der Gott dieser Welt bist, dann kann es ja wohl kaum sein, dass du dir keinen Honig für deinen Tee aus der Luft zaubern kannst.«
Überrascht schaut er zu seiner Tasse.
»Guter Punkt. Das muss wohl unterbewusst sein, weil das Café in meiner Welt wirklich existiert und die da keinen Honig anbieten.«
Wie aufs Stichwort taucht ein Topf Honig auf und er fängt an, auch von dem noch etwas in seinen überzuckerten Tee zu träufeln.
»Wird dir das nicht irgendwann zu süß?«
»Niemals!«, deklamiert er theatralisch. Ich lächle. Wir hören eine Weile wortlos den Geräuschen um uns herum zu. Klirren von Metall auf Glas und Porzellan, die Klingel an der Eingangstür, die Kaffeemaschine. Meine Gedanken schweifen zum Anfang des Gesprächs zurück.
»Warum genau wolltest du mit mir sprechen? Die Nummer hättest du ja mit jedem abziehen können.«
»Naja, wenn man sich eine Geschichte ausdenkt, dann verändert die sich dauerhaft. Und zwar unchronologisch. Mal hier ein neues Detail, mal dort, Szenen entstehen und werden verworfen. Die Lebensrealität und die Welt sind im Wandel.«
»Das klingt wie mein Lehrbuch«, stelle ich fest.
Er kratzt sich am Kopf.
»Stimmt. Die Welt im Wandel - wird die neue Generation in der Lage sein, die Verantwortungen zu übernehmen?« Er räuspert sich. »Dein Tee wird kalt.«
»Mach ihn halt wieder warm«, sage ich genervt und verbrenne mir im nächsten Augenblick die Finger. Na, danke.
»Also, ich hätte nie gedacht, dass mal eine Person in dieser Welt diese Veränderungen mitkriegen würde. Aber irgendwie …«
»Und dieser jemand bin ich?«
Er nickt und betrachtet konzentriert die Maserung der Tischoberfläche.
»Du hast also bestimmt, dass meine Oma plötzlich tot ist?«
Jetzt versinkt er förmlich im Anblick der Holzmaserung.
»D…dd...ddas tut mir so unfassbar leid. Sie ist eines natürlichen Todes gestorben in deiner jetzigen Welt.«
Deshalb hatte ich diese Visionen von Omas Beerdigung. Es waren einfach keine Visionen, sondern verdrängte Erinnerungen.
»Kannst du sie zurückbringen?«
Diese Idee stößt mich ab und ihn auch, das sehe ich genau. Alles daran klingt falsch. Aber trotzdem … ich möchte meine Großmutter so dringend ein letztes Mal wiedersehen.
»Theoretisch«, antwortet er langsam.
»Schadet es irgendwem?«, frage ich.
»Ich denke nicht.«
»Weiß sie über die ganze Im-Kopf-Sache Bescheid?«
»Wenn du das willst.«
Verstört gucke ich ihn an und er erwidert es.
»Ich kann ihr das Wissen geben, von dem du willst, dass sie es hat.«
»Vergiss es. Tote erstehen nicht wieder auf. Wir sind also alle nur deine Puppen?«
»Nicht wirklich. Jeder hat seinen eigenen Charakter und sobald der sich gefestigt hat, kann ich euch auch zu nichts mehr zwingen. Ich kann dann nur noch Dinge darandichten, die gut dazu passen. Und halt, - « Er wedelt in der Luft herum. »mit allem Materiellen machen, was ich will. Und wenn es dich beruhigt, vielleicht bin ich auch nur die Puppe des nächsthöheren Autors, der sich vorstellt, wie ich mir vorstelle, dass wir dieses Gespräch führen.«
Ich lache freudlos auf.
»Was für eine liebliche Vorstellung.«
»Ich habe mich daran gewöhnt«, sagt er resigniert. Wenn ich schon in so einer abgefahrenen Realität lebe, dann kann ich wenigstens meine Möglichkeiten ausnutzen.
»Kannst du meine Eltern meine angeblichen psychischen Probleme vergessen lassen?«
»Klar, sofort?«
»Bitte. Und meine Sechs in Mathe verschwinden lassen?«
»Roger, Sir«, sagt er und salutiert.
»Wird es lange dauern?«
»Schon erledigt.«
»Mein Zimmer an die richtige Stelle zurückbefördern, das Müsli verändern und wäre es möglich, wenn Dezember …« Ich merke, wie ein Ruck durch mich hindurchgeht. Es fühlt sich nicht mehr falsch an, meinen Bruder Dezember zu nennen und ihn mir mit blauen Augen und braunen Haaren in Erinnerung zu rufen. Erleichterung durchflutet mich. Zum ersten Mal seit langer Zeit entspanne ich mich. Ich lehne mich zurück und lasse locker.
»Könntest du das Beamen erfinden?«
»Nö, aber es würde auch so funktionieren.«
»Was?«, frage ich. »Wie soll das denn bitte gehen? Wenn man die Technologie nicht hat, dann klappt es eben nicht.«
»Ach, das sehe ich nicht so eng. Ich frage mich tatsächlich manchmal, wieviel von dem Wissen in meiner Welt überhaupt real ist und von wieviel wir uns nur einbilden, dass es existiert.«
»Du sagst also, es sei egal, ob es einen funktionstüchtigen Mechanismus gibt oder nicht, die Wirkung wäre die Gleiche?«, fasse ich zusammen.
»Ja, genau.«
»Das glaube nicht.«
Er grinst.
»Die Kaffeemaschine funktioniert, aber sehr gut dafür, dass ich keine Ahnung davon habe und damit keiner in dieser Welt, wie so ein Ding aufgebaut ist.«

 

Kaffeevollautomat

 

Ich starre ihn an.
»Du hast doch einen Schuss. Kannst du uns eigentlich beobachten?«
Er wird wieder ernst.
»Ja, aber das mache ich nicht. Ich bin doch kein Stalker! Ich lasse euch in Ruhe, was hältst du davon?«
Ich überlege einen Moment.
»An sich gut, aber ich will mehr bestimmen können, was hier passiert.«
»Wenn ich mich nicht einmische, geht das Leben ganz normal weiter.«
»Aber stell dir die unendlich vielen Möglichkeiten vor, wenn du dich doch einmischst.« Ich verenge meine Augen zu Schlitzen. »Unter Absprache versteht sich.«
»So, so, eine Opportunistin also.«
»Mein erster Reform-Vorschlag: Beamen.«
Er lacht und ich stimme herzlich ein.