50 Visionen für Leipzig

Lokales LVZ Seite 16: Text Angelika Kell mit Porträt
50 Visionen für Leipzig. In der Alltäglichkeit interkultureller Kontakte liege eine große Chance, sagt Angelika Kell vom Vorstand der Bürgerstiftung: Eine Chance, um Respekt und Anstand wiederzubeleben.
Diesen Beitrag veröffentlichte die Leipziger Volkszeitung am 21. Januar 2026. Dieser Text basiert auf einem Interview von Dominic Welters mit Angelika Kell im Dezember 2025.

Zur Kultur des Zuhörens zurückfinden: „Leipzig braucht eine Freundlichkeitsoffensive!“

50 Visionen für Leipzig: In der Alltäglichkeit interkultureller Kontakte liege eine große Chance, sagt Angelika Kell vom Vorstand der Bürgerstiftung Leipzig. Eine Chance, um Respekt und Anstand wiederzubeleben.

Vor zehn Jahren hat die Bürgerstiftung Leipzig ihr Programm „Die Wunderfinder“ aufgelegt. Seit 2015 gehen dabei rund 850 Kinder im Grundschulalter mit knapp 300 erwachsenen Patinnen und Paten auf Exkursionen in Leipzig. Eine lange Zeit mit vielen inspirierenden Begegnungen, mutigen Träumen und gemeinsamen Wegen, die das Leben der beteiligten Kinder nachhaltig verändert haben.

Auf ihren „Wundertouren“ entdecken die Kinder, eine Reihe von kommunalen Einrichtungen, die für das Leben in Leipzig unverzichtbar sind: die Bibliothek, eine Backstube, die Feuerwehr oder Polizei. Indem wir Menschen verschiedenen Alters und unterschiedlicher sozialen Milieus in Kontakt bringen erleben die Kinder Erwachsene, die Zeit für ihre Sorgen und Nöte haben und sie bei der Entfaltung ihrer Talente fördern. Das ist für mich der größte Gewinn des Programms „Die Wunderfinder“: Mit neuen Perspektiven wächst der Respekt für das Leben der Anderen. 

Einfachste Regeln des Miteinanders vergessen?

An dieser Stelle schaue ich auf unsere Gesellschaft, auf unsere Stadt. Ich merke, dass ich gern ein Wundermittel fände, das die Menschen dazu bringt, sich wieder respektvoll und anständig im Umgang miteinander zu benehmen. Die einfachsten Regeln des Miteinanders scheinen mitunter vergessen. Wir müssen zu einer Kultur des Zuhörens zurückfinden, zu einer respektvollen Kommunikation. Anonym ausgelebte Shitstorms sind nicht das, was uns zivilisiert und bei der Lösung gesellschaftlicher Fragen voranbringt. Im Gegenteil: Es beschädigt alle Beteiligten.

Respekt und Anstand sind kein Luxus, sondern eine wichtige Qualität des Zusammenlebens. Die deutsche Geschichte der 1920er- und 1930er-Jahre zeigt, wie rasant der Verlust des Anstands die Schleusen dafür öffnete, dass Menschen auf offener Straße angegriffen werden, letztlich das Recht auf das Leben selbst. Ich will das nie erleben. 

Kinder erleben heute große kulturelle und soziale Vielfalt

Ich bin sehr froh, dass die „Wunderfinder“-Kinder, generell viele Kinder von heute, in ihrem Alltag eine unvergleichlich größere kulturelle und soziale Vielfalt erleben als Angehörige meiner Generation. Kinder im Leipziger Osten sind vielfach von Gleichaltrigen umgeben, die mit ihren Eltern vor den Kriegen in der Heimat fliehen mussten. Ich will es nicht glorifizieren, aber in dieser Alltäglichkeit der interkulturellen Kontakte liegt auch eine Chance. 

Räume und Anlässe für Begegnungen auf Augenhöhe

Mit dem Programm „Die Wunderfinder“ sind Brücken entstanden: Zwischen bildungsbürgerlich geprägten Patinnen und Paten sowie Kindern, die in Familien mit wirtschaftlich schwierigen Bedingungen im Leipziger Osten aufwachsen. 

Wenn Menschen zusammenkommen, sich füreinander interessieren und einsetzen, dann ist das solidarisches Handeln möglich. Deshalb brauchen wir Räume und Anlässe für Austausch und Begegnungen auf Augenhöhe. Unabhängig von Alter oder Herkunft, Bildung oder Status. 

Eine Freundlichkeitsoffensive stünde unserer Stadt gut zu Gesicht. Von Leipzig aus sollte der Slogan die Runde machen: „Seid respektvoll und anständig!“ 

Zur Person: Angelika Kell, Jahrgang 1965, wuchs in Apolda auf und schloss ihr Studium als Diplom-Politikwissenschaftlerin ab. Sie organisierte Beteiligungsformate in der Stadtentwicklung und arbeitete später für die Europaabgeordnete Gisela Kallenbach (Grüne). Seit 2004 engagiert sich Angelika Kell bei der Bürgerstiftung Leipzig – zunächst ehrenamtlich, seit 2014 als Geschäftsführende Vorständin.

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